Glaube, Psychologie, Leben

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Antje Rogat erzählt aus ihren 35 Jahren mit IGNIS

Transskribiertes Gespräch von Katrin Kroll mit Antje Rogat anlässlich des 40-Jahre-Jubiläums von IGNIS

Antje:

Ich heiße Antje Rogat und wohne seit 45 Jahren in Frankfurt, Sachsenhausen („Dribbdebach“ 😊). Ich bin seit 35 Jahren bei IGNIS, seit meinem 47. Lebensjahr. Jetzt können Sie, liebe Leser, sich ausrechnen, wie alt ich jetzt bin. (lacht)

Mein Grundberuf war Lehrorthoptistin. Mein Mann und ich sind von Köln nach Frankfurt umgezogen, da musste und wollte ich mich beruflich umorientieren. Als meine Kinder größer wurden, entstand der Wunsch, wieder etwas Neues zu lernen. Seelsorge war dabei schon länger mein Thema, weil ich Seelsorgerin im Marburger Kreis war. Die seelsorgerliche Tätigkeit hat mir sehr gefallen und deshalb hatte ich mich erkundigt, wie ich mich weiterbilden könnte. Ich habe zuerst an ein Studium gedacht, war dann aber abgeschreckt davon, mir vorzustellen, wie das wohl werden würde mit den vielen mathematischen Anteilen des Studiums und als ältere Studentin im überfüllten Hörsaal.

Während dieser Überlegungen kam mir ein Flyer von IGNIS auf den Tisch. Dort gab es damals noch berufliche Zugangsvoraussetzungen, die ich nicht erfüllt habe. So bewarb ich mich doch ein wenig bangen Herzens bei IGNIS. Ich wurde tatsächlich nach Kitzingen eingeladen und im Gespräch nach meiner Vision gefragt. Ich habe erzählt, dass ich gerne Beratung machen würde – vielleicht an der Schule für Schüler und Lehrer. Nach dem Gespräch war ich erstmal frustriert und dachte, dass ich nicht aufgenommen werde. Umso erstaunter war ich dann, als ich doch eine Zusage erhielt. So bin ich dann zuerst zur Jahresfachtagung gegangen und habe mir IGNIS mal näher angeschaut. Es hat mich sehr positiv berührt, wie frei, humorvoll und offen dort mit Themen und Fragestellungen umgegangen wurde.

Und so bin ich in den folgenden Jahren Christliche Beraterin bei IGNIS geworden. Es hat mich begeistert, dort auf einen Ansatz zu stoßen, der zusammen mit Gott nach Lösungen für Fragestellungen sucht. Von Anfang an habe ich die Weite und Offenheit genossen, mit der Psychologie und Glaube zusammen gedacht werden kann. Diese Weite ist mir in vielerlei Hinsicht bis heute sehr wichtig. Ich lebe das in meinen Beratungen und genieße diese in der Frankfurter Evangelischen Allianz.

Ich habe nach meiner Grundausbildung zum Christlichen Berater damals noch das Themenmodul „Psychopathologie“ im IGNIS Studium belegt und auch die Supervisionsausbildung bei IGNIS durchlaufen. In der Folge davon habe ich in etlichen Beraterkursen bei den damals sogenannten Intensivseelsorgewochenenden als Gruppenleitung und Fach-Supervisorin in Dassel mitgearbeitet. Es hat mir viel Freude gemacht, an der Ausbildung der jungen Beraterinnen und Berater mitzuwirken. Es war schön zu sehen, wie sich die Teilnehmerinnen zu Kolleginnen entwickelt haben, mit denen ich heute noch immer in einer Intervisionsgruppe hier in Frankfurt (IFI) zusammenarbeite.

Ich habe auch meine eigene Beratungsarbeit hier in Frankfurt aufgebaut. Dabei finde ich es gleichermaßen spannend, wie herausfordernd es ist, mich immer wieder auf die Klienten und ihre Geschichten einzulassen. Ich sage immer: Man weiß nie, was kommt…(lacht).

Eine weitere Herausforderung war für mich, mich daran zu gewöhnen, Geld für Beratung zu nehmen. Das kannte ich aus meiner Erfahrung beim Marburger Kreis und in der Gemeinde gar nicht. Es war wichtig, selbst ein Standing zu gewinnen und ein Honorar festzusetzen. Für mich war es immer wichtig, dass ich von diesen Honoraren nicht abhängig war, dass ich die Freiheit verloren hätte, die Entscheidungen der Klienten zu akzeptieren und auch für mich gute Grenzen zu setzen.

Schwierig ist für mich in der Beratung immer noch, wenn Klienten sich schweigend zurückziehen. Das finde ich sehr herausfordernd, weil dann ja viele Reflexionsprozesse beginnen und ich in der Supervision erst sortiere, wie ich damit umgehen möchte.

Ich musste auch lernen, mit den Reaktionen aus meiner Gemeinde geduldig und klug umzugehen. Ich habe mich dann entschieden, mich nicht selbst in den Seelsorgedienst der Gemeinde einzubringen, sondern eine Beratungspraxis außerhalb aufzubauen. Ich empfinde, dass da jeder seinen eigenen Standpunkt finden muss. Es war nicht immer leicht, die verschiedenen Blickwinkel auf Seelsorge übereinander zu bringen und damit umgehen zu lernen, wenn meine Arbeit als Konkurrenz zum gemeindlichen Stil wahrgenommen wurde. Damals hatte IGNIS noch den Satz „Als ganzer Mensch Jesus dienen“ als Mission Statement, das Plakat hing an meiner Bürotür. Dadurch fühlten sich einige Gemeindeverantwortlichen in ihrer Kompetenz angegriffen. Es brauchte viel Weisheit, darin ein gemeinsames Vorangehen zu finden.

Ich habe sehr gern IGNIS-Azubis aus meiner Region unterstützt, ihren Abschluss zu schaffen: „HERR, wo sind die anderen, die so arbeiten wie ich?“ Als Überbrückung durfte ich in Mainz bei „Prisma“ mit Lukas und Kerstin Weyell, Regine Weidinger für 5 Jahre unterschlupfen (Intervision, Seminare). Ich konnte Erfahrung sammeln, wie ich einen Beratungsdienst aufziehen möchte.

Noch heute genieße ich meine Kolleginnen in unserer Intervisionsgruppe sehr, der wohlwollende Austausch ist so hilfreich und segensstiftend: IFI (Ignis-Frankfurt-Intervision).

Mein Highlight in diesen Jahren war zu erlernen, dass ich mir (und auch Ratsuchenden) die Freiheit geben darf, zu wählen, ob wir miteinander arbeiten möchten. Es ist für meine Beratungsarbeit wichtig, dass ich mit dem Klienten am Anfang schaue, ob wir gut miteinander in Kontakt kommen und einen Auftrag finden, mit dem wir beide zurechtkommen. Es liegt eine große Freiheit für alle Beteiligten darin, dass ich nicht für alles zuständig sein muss und Klienten im Einzelfall auch zu anderen Fachstellen oder an andere Berater weitervermitteln kann.

Aus dieser Erfahrung heraus kam dann bei mir auch die Idee auf, ein Netzwerk für RheinMain einzurichten: >>>C-STAB, eine regionale Plattform, auf der auch andere christliche Seelsorger/Therapeuten/Ärzte/Berater gefunden werden können. Das hat mir geholfen, Klienten wohlwollend und freundlich auch an andere weiterzuvermitteln.

Später habe ich mich dann auch bei >>>ACC akkreditiert, auch den Heilpraktikerschein für Psychotherapie erworben (nützlich für die Steuererklärung).

Ich war und bin über die Jahre immer wieder gerne mit IGNIS verbunden und habe mich immer wieder über den fachlichen Austausch und all die vielen Anregungen gefreut.

Den neuen Auszubildenden in den aktuellen Kursen bei IGNIS möchte ich von ganzem Herzen Ermutigung mitgeben:

  • Wer Menschen mag und Beratung auf dem Herzen hat, für die ist Christliche Beratung eine Ausbildung, die sich lohnt. Mich erfüllt und begeistert diese Tätigkeit seit 30 Jahren -so lange, wie der Kopf noch klar ist 😊 und der HERR mich an diesem Platz segnet.
  • Erfahrungsgemäß braucht es ein paar Jahre, bis Du in Deiner Region bekannt wirst.
  • Es empfiehlt sich, sich mit Fachkollegen vor Ort zu vernetzen. Es ist wichtig, dass Du für Dich findest, was genau Du den Klienten anbieten möchtest und was nicht. Finde Deinen ganz eigenen Stand und von Gott her, was er Dir aufs Herz legt.
  • Meine Erfahrung ist, dass die Arbeit als Freiberufler für mich sehr gut passt und ich gut damit zurechtgekommen bin, gegen Honorar zuarbeiten. Ohne Honorar möchte ich nicht mehr arbeiten, die Einzelheiten sind verhandelbar, Ausnahmen möglich.
  • Ich möchte Dich ermutigen, für Dich zu der Überzeugung zu kommen, dass Du gute Arbeit machst. Suche mit Gott zusammen nach diesem Standing.
  • Ich wünsche Dir die innere Freiheit, immer wieder gut nach Deinen Grenzen zu schauen und ich wünsche Dir, dass Du Kollegen vor Ort findest.
  • Wichtig ist für mich, authentisch zu sein. Wir sollten als Beraterinnen selbst beherzigen, was wir unseren Ratsuchenden empfehlen.
  • Sei nicht erstaunt, wenn Dir auch bis ins hohe Alter immer wieder Schuppen von den Augen fallen, während Du den Klienten begegnest. Bleib lernfähig und staune immer wieder.

 

Katrin:

So schätzen wir Dich, Antje, als eine Kollegin die uns in vielen Dingen vorausgegangen ist und uns sowohl in Deinem Glaubensweg, als auch in Deiner fachlichen Entwicklung!!
Vielen Dank für Dein Mitteilen und Dein Ermutigen!!!
Sei ganz gesegnet!