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Vom Oje zum Aha

Zur Erinnerung an Hanne Baar.

>>Meine Söhne fragten: Wovor hast du Angst? Vor dem Sterben oder davor, tot zu sein? Ich überlegte und kam zu dem Resultat: Vor beidem eigentlich nicht. Daniel mutmaßte: Oder hast du Angst vor den Schmerzen?

Nein, auch das war es nicht. – Was war es dann? Ich wusste es nicht, wollte es aber wissen und fuhr … ein paar Tage in die Berge.

Auf steilen, einsamen Wegen gab ich dort meinen Gefühlen hemmungslos Ausdruck. Und schließlich, auf einem steilen Gratweg, am Wegrand Silberdisteln, vor mir das Gipfelkreuz, hatte ichs. Im Kern meiner Niedergeschlagenheit nistete der Verdacht: „Gott pfeift auf mich.“

Gleichzeitig erschrocken und froh, den genauen Schmerzpunkt gefunden zu haben, überlegte ich: Kam es auch in einem solchen Fall darauf an, zu kapitulieren, mein Herz zu einem „Selbst dann“ zu bewegen, zu einem gottergebenen „Alles, auch das“? …

Im gleichzeitigen Fragen vor Gott und im Achten auf das, was mein Herz wollte, fiel mir eine Schriftstelle ein, ein Gebet König Davids – auch unter Lebensgefahr gesprochen. Es lautet: „Finde ich Gnade vor dem Herrn, so wird er mich retten. Spricht er aber: Ich habe keine Lust zu dir! – siehe, hier bin ich; er tue mit mir, wie es ihm gefällt“ (2. Sam 15,25f).

Als ich mich mit diesem Gebet Davids wortlos eins machte, platzte mein Verzweiflungsknoten wie eine Seifenblase. Statt Todesangst und Niedergeschlagenheit war da jetzt Freude, Aufatmen und das völlig sichere Wissen, dass Gott nicht auf mich pfeift.<<

 

„Gott pfeift nicht auf mich!“ Diese Erfahrung liegt inzwischen viele Jahre zurück und Hanne Baar hat sie 2008 in ihrem Buch „Vom Oje zum Aha! Die Anatomie der Durchbruchserfahrung“ zusammen mit anderen wesentlichen Durchbruchserfahrungen und den daraus folgenden Erkenntnissen und Freisetzungen aufgeschrieben (S. 83).

Am 12. September 2021 ist sie nun mit 84 Jahren heimgegangen zu ihrem himmlischen Vater.

Wir denken dankbar zurück, wie sie als Diplompsychologin und Therapeutin die christliche Psychologie in Deutschland mitgeprägt hat und IGNIS seit der Gründung 1986 vielfältig verbunden war. Als Referentin im Studium, in Berater- und Seelsorgekursen, als Buchautorin und Verlegerin und als christliche Therapeutin in unserer Region hat sie Spuren gelegt, die vielfach nachwirken.

Mit klaren und präzise treffenden Worten in einer bildhaften und einprägsamen Sprache konnte sie Situationen und Konflikte des Alltags so beschreiben, dass es immer wieder „Aha-Erlebnisse“ bei ihren Zuhörern, Lesern und Klienten gab. Der Scham-Angst-Zyklus, die Auswirkungen von inneren Schwüren wie „Alles, nur das nicht!“, die Frage, was ich genau übelnehme – und welches Übel ich damit „nehme“ – und das bewusste Aushalten und Wahrnehmen des Schmerzhaften vor Gott, das und vieles mehr prägt unser christlich-psychologisches Arbeiten bei IGNIS bis heute.

Viele dieser Wahrheiten sind persönlich erkämpft in einer sehr ehrlichen Auseinandersetzung mit den Klippen und Krisen des eigenen Alltags, im Reden mit Gott, im Schreiben von Tagebüchern und im Ringen um innere und dann auch sprachliche Klarheit. Wir haben Hanne als starke Frau kennen und lieben gelernt mit Lebendigkeit, Humor, wenig Menschenfurcht und einer hohen Präsenz und Authentizität in Begegnungen. Sie, die es liebte, Klartext zu reden, konnte aber auch sehr sanft, mitfühlend und barmherzig sein und leise Töne anschlagen.

In ganz unterschiedlicher Hinsicht ist Hanne so vielen von uns ein Vorbild geworden. Wir haben reichen Segen von ihr geerbt!

Friedemann Alsdorf

 

Ein Portrait von Hanne Baar aus dem Jahr 2012 im eJournal “Christian Psychology Around the World” (S. 109ff) fasst Wichtiges aus ihrem Leben, Denken und ihren Herzensanliegen zusammen: “Geistlich Gesinnten Geistliches geistlich zu deuten“ (>>> Flipbook; >>> PDF)

Bücher von Hanne Baar sind zu beziehen über >>>www.hymnus-verlag.de