Glaube, Psychologie, Leben

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Vom Umgang mit Angst, Risiko und Wahrscheinlichkeit

Wenn Jesus schläft… Ein ungewöhnlicher Traum und seine Nachwirkungen

Ein ungewöhnlicher Traum

Ich hatte einen Traum. Einen sehr lebendigen. Da begegnete mir in fremder Umgebung jemand in einem altertümlichen Gewand. Er sagte mir, er sei einer der Zwölf, welcher, tue nichts zur Sache, aber er wolle mir etwas erzählen: „Es geht um etwas, was mich bis heute beschäftigt.“

Und dann begann er.

Eine noch ungewöhnlichere Geschichte

„Wenn ich zurückdenke, kommen gleich wieder die alten Gefühle zurück. Der Schock. Die Angst. Dabei ist Jesus inzwischen gestorben und wieder auferstanden und eigentlich habe ich einen ganz neuen Blick auf das Ganze.

Ich rede davon, was geschah, als Jesus uns einmal aufforderte, mit ihm im Boot ans andere Ufer überzusetzen. Wir wussten, der See kann tückisch sein, plötzliche Stürme. Jesus schlief ein; nach den unendlichen Predigten und Heilungen kein Wunder. Dann erwischte uns so ein Sturm. Voll. Bei all unserer Erfahrung mit dem See – keine Chance; das Boot fing an vollzulaufen, den begleitenden Booten ging es nicht besser. Wir bekamen Todesangst.

Jesus – Einfach unbegreiflich!

Jesus schlief weiter. Das geht doch nicht: Kümmert‘s ihn nicht, wenn wir alle absaufen?

Wir weckten ihn: „Meister, wir kommen um! Ist Dir das egal?“ Und Er, nachdem er ganz wach geworden war, fragte uns ganz ruhig: „Wieso habt ihr solche Angst und so wenig Vertrauen?“ Dann fuhr er den Sturm an: „Schweig! Mund halten!“ Der Wind gehorchte, wie ein gescholtener Hund. So verrückt das klingt, aber besser lässt es sich nicht beschreiben. Heute würdet Ihr wohl sagen: Wie wenn man den Stecker zieht. Der Sturm verlor plötzlich an Kraft, legte sich und der See wurde wieder glatt. Eine auffällige Stille!

Jesus sagte: „Wo ist Euer Glaube?“

Wir waren sprachlos. Doppelt sprachlos. Wie kann man derart über die Elemente herrschen? Und: Wie kann Jesus in einer solchen Situation von uns Glaubenszuversicht erwarten?

Was soll ich davon halten?

Ich habe an dieser Sache immer noch zu knabbern: Jesus hat anscheinend tatsächlich erwartet, dass wir ganz gelassen bleiben. Gut, natürlich: Er hatte inzwischen schon so viele Wunder getan, dass wir hätten draufkommen können, dass mit ihm im Boot alles möglich ist. Und, ja, wenn er sagt: „Lasst uns übersetzen auf die andere Seite!“, dann ist eigentlich damit zu rechnen, dass dies auch geschieht und wir nicht unterwegs absaufen.

Aber mal ehrlich: Das soll ich im Kopf oder sogar im Herzen haben, wenn das Boot gerade vollläuft und die Wellen mich überspülen?

Wenn ich jetzt daran denke: Schon unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit Jesus, mitten aus dem Schlaf gerissen, die Elemente bändigt und nebenbei noch ermahnend mit uns spricht.

Und habe ich heute mehr Vertrauen?

Ich weiß, Jesus ist bei uns – bei mir – mitten in meiner Situation. Ob er gerade wach ist oder schläft, darüber denke ich nicht so viel nach, solange alles gut geht. Aber wenn es gefährlich wird und er nicht gleich spürbar eingreift, da kann es auch heute passieren, dass ich zweifle: „Wieso schläfst Du? Siehst Du nicht, was los ist?“ Dabei betrifft es ihn ja genauso. Und inzwischen ist er sogar mitten rein in mein Lebensschlamassel gekommen, um das Schlimmste davon – meine Schuld – auf sich zu nehmen.

Eine neue Perspektive

Inzwischen begreife ich aber etwas mehr: SEINE Perspektive ist anders. Er ist einer Gefahr nie ausgeliefert. Wenn er in ihr untergeht, wie in Seinem Weg ans Kreuz, dann hat er schon eingewilligt. Sonst würde er die Gefahr bannen.

Und wenn ich meine, er schläft, dann denke und schreie ich auf der einen Seite weiterhin: Wieso machst DU nichts? Wach endlich auf und tu was! Wieso kümmerst Du Dich nicht?

Aber eine andere Seite in mir begreift: Er schläft. So schlimm kann es gar nicht sein. ER ist ja hier, bereit mit mir zusammen unterzugehen oder noch rechtzeitig einzugreifen oder mir noch rechtzeitig zu sagen, was ich tun soll. Und wenn wir schlimmstenfalls untergehen … dann bin ich immer noch bei IHM und alles ist gut. Eigentlich kann ich in Vertrauen und Zuversicht überlegen: Wecke ich IHN? Wenn ja, wann? Soll ich erst mal noch abwarten und alles IHM überlassen? Letztlich sind wir sicher. Letztlich bin ich sicher bei IHM. Immer!

Und selbst wenn ich wie ein aufgescheuchtes Huhn schreie und ihn kleingläubig wecke: ER bleibt trotzdem an meiner Seite. Schlimmstenfalls bekomme ich einen liebevollen Rüffel. Und das ist eigentlich nicht schlimm, sondern gesund. Ich kann draus lernen.

Ist unser HERR nicht völlig unvergleichlich?“

Nachgedanken zum Traum

Noch im Aufwachen lächelte ich etwas unsicher zustimmend – und ganz wach war die Erinnerung an diesen Traum ungewöhnlich klar und lebendig. Ich schrieb gleich alles auf. Das musste doch etwas zu bedeuten haben.

Die Jünger hatten unmittelbare Todesangst und handelten, getrieben von dieser Angst. Leicht zu verstehen! Wie geht es mir mit meinen Ängsten?

Mir fällt auf, dass viele unserer Ängste in Deutschland weniger unmittelbar sind. Oft sind sie Ergebnis von statistischen Abschätzungen, mal mehr mal weniger begründet oder stimmig: Ansteckungsangst, Krankheitsangst wegen Risikofaktoren, Angst vor schweren Covidverläufen, Angst vor Impfschäden, Angst wegen eines möglicherweise behinderten Kindes, Angst vor den Folgen des Klimawandels usw.

Angst, weil etwas passieren könnte

Unser Leben heute ist beeinflusst von Risikoeinschätzungen, auf die wir mit Angst und dann mit Kontroll- und Absicherungsmaßnahmen reagieren. Wir „rechnen“ mit Ereignissen oft nicht aufgrund eigener Erfahrungen oder aufgrund dessen, was wir wirklich sehen (Sturm auf dem See), sondern aufgrund errechneter „Wahrscheinlichkeiten“. Bis zu einem bestimmten Grad kann das sinnvoll sein. Aber setzen wir nicht oft genug diese Risikoeinschätzungen, also Wahrscheinlichkeiten, einfach unbewusst mit der Realität gleich? Und interpretieren wir ihre Aussagen eigentlich zutreffend?

Zum Beispiel

Das Kind im Mutterleib hat aufgrund des Alters der Mutter eine 5%ige Wahrscheinlichkeit, behindert zu sein. Oder: Wenn ich mich in diesem Alter mit Covid infiziere, ist das für mich zu 5% tödlich. Die Formulierungen malen mir das Befürchtete mit scheinbarer Objektivität vor Augen und machen somit Angst. Wenn ich umgekehrt – mathematisch gleichbedeutend – formuliere: Zu 95% werde ich ein gesundes Kind haben oder zu 95% werde ich die Coviderkrankung überleben, fühlt sich das ganz anders an.

Aber ich denke, selbst das lenkt mich noch von der wahren Realität ab: Jeder von uns hat – bis auf seltene Ausnahmen wie Lazarus – genau ein Leben und ein Sterben auf dieser Erde und das liegt nicht in meiner Hand und nicht in der von Statistiken, sondern in Gottes Hand. Ich überlebe Covid nicht zu 95% und es ist für mich auch nicht zu 5% tödlich. Sondern: Entweder ich sterbe mit Covid ganz (zu 100%) oder gar nicht (zu 0%) und das liegt trotz vernünftiger Vorsorgemaßnahmen letztlich in Gottes Hand.

Mit dem Unsichtbaren rechnen…

Wir sind geradezu unheimlich gläubig und lassen uns von der unsichtbaren Welt drängen, locken, bestimmen. Allerdings von einer unsichtbaren Welt, die wir selbst produzieren, der Welt unserer eigenen statistischen Berechnungen. Noch mal: Die Berechnungen haben durchaus einen umgrenzten Sinn.

Jesus aber hat sich immer vorrangig von der wahren unsichtbaren Welt seines Vaters drängen, locken, bestimmen lassen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich selbst aus tun, außer was er den Vater tun sieht; denn was irgend ER tut, das tut auch in gleicher Weise der Sohn.“ (Johannes 5)

Auf dem Weg zu Lazarus (Johannes 11) haben die Jünger ein Risiko vor Augen – kein theoretisch errechnetes, sondern ein unmittelbares, aus mehrfach Erlebtem geboren – und sagen: „Rabbi, eben suchten die Juden dich zu steinigen, und wieder gehst du dahin?“ Thomas ruft schließlich beim Aufbruch: „Lasst auch uns gehen, dass wir mit ihm sterben!“ Ist er resignierend sarkastisch? Vielleicht, aber den Tod vor Augen ist er trotzdem bereit mitzugehen.

Jesus bewegt sich glaubend oder vertrauend im Lichte der unsichtbaren Welt seines Vaters und sieht längst, dass jetzt (noch) nicht die Zeit des Sterbens gekommen ist, sondern im Gegenteil die Zeit einer Demonstration des Sieges über den Tod. Die Jünger begreifens’s nicht.

…aber mit welchem?

Ja, wir Christen begreifen ganz oft die Wirklichkeit – Wirksamkeit – von Gottes realer unsichtbarer Welt viel weniger als die von Menschen geschaffene errechnete unsichtbare Welt.

Ich sehne mich danach, dass ich, dass wir, von der unsichtbaren ewigen Realität Gottes stärker beeindruckt sind als von unseren vergänglichen, begrenzten, selbstgeschaffenen unsichtbaren Realitäten. Wenn ich, wie Jesus sagt, zuerst nach dem Reich Gottes (der Herrschaft, der Wirklichkeit Gottes) trachte, gehe ich wahrscheinlich sorgenfreier und sicherer, in jedem Fall aber sinnerfüllter durchs Leben. Vielleicht fordert uns gerade der schlafende Jesus heraus, über das Unmittelbare – sein Schlafen – hinaus den inneren Blick zu weiten und auf die Möglichkeiten SEINER unsichtbaren Herrschaft zu richten.

Die Grenzen unserer Einsicht

Aber da kommt vor mein inneres Auge noch eine andere Gefahr.

Die Unsichtbare Realität Gottes ist die „wirklichste Wirklichkeit“, die existiert – aber sie ist für uns gefallene Menschen eben unsichtbar. Wir können Sie, wie Paulus in 1 Kor 13 sagt, nur teilweise, bruchstückhaft und mit einer Unsicherheit behaftet, erfassen. Das gilt auch für mich als Christ. Und so darf ich mich nicht an allem festhalten, was ich gerade von Gottes Realität meine verstanden zu haben, statt an dem, was ich davon sicher wissen kann.

Was ganz sicher ist und was nicht …

Jesus war sich der unsichtbaren Realität sicher, dass sie wohlbehalten ans andere Ufer kommen werden. Wir Jünger sind uns nur vermeintlich sicher über den Ausgang: Entweder haben wir den „sicheren Tod vor Augen“ oder wir halten uns fest – wie an einer Prophetie -, dass Jesus sagte, dass wir über den See fahren, und rechnen mit einem Wunder. Aber beides gehört zum „Stückwerk“ gemäß 1 Kor 13, in dem wir auch irren können.

In keiner konkreten Erkenntnis und in keinem Verstehen einer Prophetie müssen (oder können) wir sicher sein – zum Glück. Es wäre eine Glaubensüberforderung. Wir als die Jünger dürfen sicher sein, dass alles möglich ist. Und: Wir können absolut – 100% – sicher sein, dass wir mit Jesus sein und leben werden, ob vor den Wellen gerettet oder ertrinkend und auferstehend.

So können wir auch angesichts der Unsicherheiten unserer „Sicht“ in die unsichtbare Welt entspannt glauben, an IHN, der in jedem Fall mit uns geht, in Glauben und Kleinglauben.

Entspannt glauben…

Den ganzen Text und den letzten Satz schrieb ich vor dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine. Jetzt, danach, angesichts eines Sturmes, der nicht wahrscheinlich, sondern real ist, in dem viele real untergehen, leiden, bedroht sind und der auch uns herausfordert, beten wir: „Herr hilf!“ Und in diesem Gebet ist nicht unbedingt sofort entspanntes Vertrauen, da sind Erschrecken, Angst, Sorge und Verzagtheit. Das darf sein. Unser grundsätzlicher Glaube, dass wir auch in der größten Katastrophe – für deren Abwendung wir beten! – nicht allein sind, muss die aktuelle Gefahr wahrnehmen, sich neu aufrichten, wir brauchen Gottes Hilfe, um konkret von IHM getröstet zu glauben, dann auch Verantwortung zu übernehmen, zu handeln und dabei in Ihm verankert zu sein: Ja, Jesus ist immer bei mir, ob vor den Wellen gerettet oder ertrinkend und auferstehend.

Wolfram Soldan (24.03.2022)